Als Gesetzesvorschläge in Deutschland für Gruppen von Männern und Frauen statt der üblichen männlichen die weibliche Form verwendeten, wurde sie als potenziell ungültig abgelehnt.


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Gesetzentwurf wegen weiblicher Formulierungen abgelehnt
Gesetzentwurf wegen weiblicher Formulierungen abgelehnt

 

Ein Grammatikstreit zwischen zwei Bundesministerien hat eine neue Front in Deutschlands langjährigem Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter eröffnet und die Beamten gezwungen, ein Schuldenschutzgesetz neu zu formulieren.


Im vergangenen Monat legte das Justizministerium einen Gesetzesentwurf vor, der Schuldner und Unternehmen vor der Insolvenz im Gefolge des Coronavirus schützen soll. Während der Gesetzesentwurf damals wenig Aufmerksamkeit erregte, wurde die Sprache des Entwurfs mit "Femininum" geschrieben, einem grammatikalischen Mittel, das die Verwendung der weiblichen Form von Pluralsubstantiven beinhaltet, um Gruppen zu beschreiben, zu denen sowohl Männer als auch Frauen gehören.


Ein Äquivalent im Englischen wäre es, eine Gruppe von männlichen und weiblichen Schauspielern gemeinsam als "Schauspielerinnen" zu bezeichnen.


Am Montag kündigte das Innenministerium an, dass der Entwurf aufgrund der Verwendung der generischen weiblichen Form abgelehnt wird, was ein Schlag gegen diejenigen ist, die sagen, dass das übliche Maskuline Menschen marginalisiert, die sich nicht als Männer identifizieren. In einem Land wie Deutschland, in dem Geschlechternormen nach wie vor fest verankert sind, zeigt der Streit, wie die traditionellen Sprachnormen zu einem Hindernis für die Gleichstellung werden können.


Die Justizministerin Christine Lambrecht, die den Gesetzesentwurf auf den Weg brachte, stieß auf den Widerstand von Innenminister Horst Seehofer, der davor warnte, dass die Sprache des Dokuments in rechtlicher Hinsicht Männer von seinem Schutz ausschließen könnte. Der Sprecher des Innenministeriums, Steve Alter, sagte, die Einwaende Seehofers konzentrierten sich allein auf die Frage, ob es rechtlich gueltig sei, eine solche Sprache in einem Gesetzesentwurf zu verwenden.


"Das generische Weibliche für den Gebrauch für weibliche und männliche Personen ist sprachlich noch nicht anerkannt", sagte Alter. "Dies gilt völlig unabhängig davon, ob ein bestimmter sozialer Zustand erwünscht ist."


Im Deutschen gibt es geschlechtsspezifische Substantive - männlich, weiblich und neutral - aber wie in mehreren anderen europäischen Sprachen hat die männliche Form Vorrang, wenn es um Gruppen von Männern und Frauen geht, insbesondere auf offiziellen und juristischen Dokumenten.


Katrin Gottschalk, stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Tageszeitung TAZ, sagte: "Die aktuelle Debatte ist wichtig, weil wir noch immer nicht die Sprache gefunden haben, in der Frauen und nichtbinäre Menschen nicht nur angesprochen werden sollen, sondern sich auch angesprochen fühlen.


"Es ist noch nicht klar, wie wir mit diesem Problem in der deutschen Sprache umgehen", schrieb Frau Gottschalk in einer Stellungnahme zu dem Gesetzentwurf und der Debatte, die er ausgelöst hat.


Andere Länder mit geschlechtsspezifischen Sprachen haben sich ebenfalls mit dem Thema auseinandergesetzt: Im Jahr 2017 verbot der französische Premierminister die Verwendung der "inklusiven Schrift" in offiziellen Texten.


Die Debatte darüber, ob der deutsche Sprachgebrauch geändert werden sollte, um inklusiver zu werden, schwelt seit einem Jahrzehnt.


Die Wahl im privaten oder beruflichen Umfeld liegt weitgehend bei Einzelpersonen oder Institutionen - progressive Nachrichtenagenturen in Deutschland beispielsweise verwenden oft eine geschlechtsneutrale Sprache, wo immer dies möglich ist - aber die Debatte über den Gesetzesentwurf hat die Frage auf die Bundesebene gehoben.


Mehrere regionale Regierungen haben das Thema bereits aufgegriffen. In diesem Jahr kündigte die sächsische Landesregierung an, dass sie damit beginnen werde, eine geschlechtsneutrale Sprache in Landesgesetzen zu verwenden. "Die Sprache unserer Gesetze ist noch immer von einer Zeit geprägt, in der Frauen und Männer nicht die gleichen Rechte hatten", sagte die Justizministerin des Landes, Katja Meier von den Grünen, damals.


Und im vergangenen Jahr kündigte die Stadt Hannover, damals noch unter der Führung der Sozialdemokratischen Partei, an, in ihrer gesamten Kommunikation eine geschlechtsneutrale Sprache zu verwenden. Die Entscheidung bestätigte nur, was seit mehr als einem Jahrzehnt gängige Praxis war, aber sie reichte aus, um eine Gruppe von 70 einflussreichen, meist konservativen Persönlichkeiten zu veranlassen, einen öffentlichen Aufruf gegen die Politik zu veröffentlichen.


Obwohl die Sprache nicht als wichtigstes Schlachtfeld für diejenigen gilt, die für eine gerechtere und integrativere Gesellschaft in Deutschland kämpfen, ist die Debatte über den Gesetzesentwurf das jüngste Kapitel in dem langen Kampf um Gleichberechtigung. Zu diesen Bemühungen gehören Forderungen nach einer leichter zugänglichen Kinderbetreuung, gleichem Lohn für Männer und Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, und einer stärkeren Vertretung von Frauen in Unternehmensvorständen.


Als ein Bundesbeamter den Vorschlag machte, das Wort "Vaterland" in der deutschen Nationalhymne 2018 in "Heimat" zu ändern, führte dies zu einem kleinen politischen Sturm. Die rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland nannte dies "Gender-Unsinn".


Justizministerin Lambrecht ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, der am weitesten links stehenden Partei in der Regierungskoalition von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seehofer war langjaehriger Vorsitzender der Christlich-Sozialen Union, der konservativen bayerischen Geschwisterpartei der Christdemokraten von Frau Merkel.


Im Justizministerium hiess es, die weibliche Form des Gesetzentwurfs sei einfach der einfachste Weg, ihn zu schreiben, und er solle keine politische Botschaft vermitteln. "Wir haben nicht versucht, einen Versuchsballon schweben zu lassen", sagte der Sprecher Stefan Zimmermann.


Der konservative deutsche Sprachverband VDS kritisierte den Textentwurf mit der Begruendung, die Verwendung der weiblichen Form verwirre das Schreiben juristischer Dokumente.


Die Alternative für Deutschland sei in der Denunziation versengt. "Rechtstexte sind kein Tummelplatz für linksideologische Verrücktheiten", schrieb der Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner am Dienstag auf seiner offiziellen Facebook-Seite. In seinem Beitrag verglich Brandner den Justizminister mit einem sich schlecht benehmenden Kleinkind.


Katja Mast, eine sozialdemokratische Gesetzgeberin, die die Entscheidung des Ministeriums, den Gesetzentwurf freizugeben, öffentlich verteidigte, schrieb in einer E-Mail, dass Frauen in Deutschland immer noch diskriminiert würden. "Dies geschieht auch durch die Sprache", bemerkte sie und fügte hinzu, dass sie für die Diskussionen dankbar sei.


Am Ende setzte sich die politische Zweckmäßigkeit durch. Am Mittwoch legte das Justizministerium dem Kabinett eine neue Fassung des Gesetzentwurfs vor.


"Weil das Projekt für uns von großer Bedeutung ist und weil es uns wichtig ist, so schnell wie möglich zu einer Einigung zwischen den Ministerien zu kommen, haben wir uns für die konventionelle Variante entschieden", sagte der Sprecher des Justizministeriums, Herr Zimmermann.


- Politisches Redaktionsteam, Kennerisch.com

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